15.01.2017
Die etwas andere „Formel Erfolg“

Neu-Ulm Spartans in der Saisonvorbereitung – Headcoach zum Stand der Dinge

„Wenn mein Team nach einem Spiel vom Feld geht, soll niemand erraten können: Haben Sie gewonnen oder verloren?“ So lautete das Credo des legendären US-Basketball-Trainers John Wooden, dessen Erfolge mit der College-Mannschaft von der University of California Los Angeles (UCLA) bis heute ungetoppt sind. Seine Teams haben aber so oft gewonnen wie keine sonst. Wooden war jedoch zufrieden, wenn jeder seiner Spieler seine optimale Leistung abgerufen hatte. Er hatte seine ureigene Definition von Erfolg: das Beste gegeben haben. Etwas pathetisch sagte er, dadurch finde der Sportler – und nicht nur der Sportler - seinen Seelenfrieden. Einer der besten deutschen Trainer im American Football, Daniel Koch, Headcoach bei den Neu-Ulm Spartans, sieht das beinahe ganz genauso.

Er gibt jetzt, zu Beginn der entscheidenden Phase der Vorbereitung auf die Saison in der 3. Liga, allen am „Projekt Sparta“ Beteiligten bessere Ziele vor als: ,alles gewinnen‘ und ‚weiter aufsteigen‘. „Egal wie die Spielzeit verläuft, wenn am Ende alle sagen können: ‚Ich habe alles gegeben‘ – dann haben wir eine erfolgreiche Saison gespielt.“

In diesem Sinne war das Herrenteam der Spartans in der Saison 2016 aus Kochs Sicht ganz unabhängig vom nach einer ungeschlagenen Hinrunde enttäuschenden 4. Platznicht erfolgreich. „Wir haben nur ein Spiel ganz klar verloren. Fünf haben wir gewonnen. In den restlichen vier Matches hätten wir auch jedes Mal als Sieger vom Feld gehen können. Aber: Wir haben unser Potential nicht abgerufen. Ursachen? „Wir waren mental nicht voll da, nicht tough genug. In den ersten Jahren, in denen wir jedes Mal aufgestiegen sind, waren wir nie wirklich gefordert. Wir haben viele Dinge gut bis sehr gut gemacht, aber wir hatten nicht gelernt, mit Rückschlägen umzugehen. Als es notwendig gewesen wäre, einen Gang hochzuschalten, haben wir den Kopf in den Sand gesteckt.“

Es wird für die Spartans darum gehen, mit anderen Trainingsmethoden und mit einer anderen Ansprache sowohl beim Positionstraining als auch in der gesamten Mannschaft das erkannte Manko zu beheben. Entschlossenheit, Physis, Härte – das ist das Thema. Koch: “Unsere Spartaner, die früher bei den Neu-Ulm Barracudas und bei den Ulm Sparrows gespielt hatten, aber dann abgewandert und nun sozusagen wieder heimgekehrt waren, brachten die in den unteren Ligen erarbeitete Physis und Härte mit. Wir waren sehr erfolgreich damit, diese Spieler technisch gut auszubilden. Die Neuen der letzten beiden Jahre, die vorher den Football nicht kannten, haben wir zu sehr auf Technik getrimmt und sie nicht aufs entschlossene Blocken und Tackeln eingestellt.“

Daniel Koch, der vor dem Start des Projektes Sparta schon 14 Jahre Mannschaften gecoacht hat, darunter Erst- und Zweit-Bundesliga-Teams (GFL I und GFL II), die Bayerische Jugendauswahl sowie auch die Damen-Nationalmannschaft, bildet derzeit einen Offense-Line-Coach neu aus, um damit frei von der Pflicht zu sein, eine Position zu trainieren. Dann kann er mehr allgemein eingreifen oder bei Ausfällen einspringen. Insgesamt hat sich die Trainer-Situation sehr gut entwickelt. Es fehlt noch ein Linebacker-Coach. „Traumhaft wäre auch, wenn noch einer der Offense-Trainer zum Offense-Coordinator heranwachsen würde - oder wir finden einen, wenn auch nicht dieses Jahr, aber langfristig.“

Derzeit haben die Spartans 21 Trainer, sechs für die U15 und U13, acht für die U 19 und sieben bei den Herren. Vor zwei Jahren waren es bei den beiden Jugend-Teams jeweils nur zwei Coaches. Die U15 hat jetzt einen Kader von 35 bis 40 Kindern, bei den Jugendlichen in der U19 sind es inzwischen auch 40 bis 45, wobei die Zahl von 60 Aktiven angestrebt wird. „Auch wenn das Herrenteam mehr im Blickpunkt steht – insgeheim wird es langfristig darauf ankommen, die Jugendarbeit noch mehr zu intensivieren, zu optimieren und zu forcieren. Wir brauchen auch weiterhin ein gutes Konzept, durch das wir konstant viel Zuwachs gewinnen. Gut wäre ein Schulsport-Koordinator, jemand der dahin geht, wo man die Jugendlichen ansprechen kann.“

Jugendarbeit kostet immer, gerade im Football, wo die Sportkleidung, die Ausrüstung ungleich teurer ist als zum Beispiel im Fußball. Auch die Jugendlichen müssen im Football zu Auswärtsspielen weit reisen. „Ich will gute Jugend-Trainer haben, nicht nur Football-Kenner und –Könner. Schon dazu müssen sie auf Lehrgänge. Auch auf pädagogische Seminare wollen wir sie schicken. Allein für diese Weiterbildungen kommen im Jahr schnell vierstellige Summen zusammen.“

Aber es gehört zum Konzept der Spartans, hier zu investieren. Weil sie auf den eigenen Nachwuchs setzen. „Wenn wir zwei gute US-Importe holen würden, bin ich mir sicher: Wir würden aufsteigen. Aber ich will mich nicht von falschen ‚Erfolgs-Aussichten‘ korrumpieren lassen und über Bord werfen, was bislang unsere Idee war. Amerikaner holen oder anderswo Spieler abzuwerben steht im Widerspruch zu unserer Idee. Ein mit solchen Mitteln zustande gekommener Aufstieg wäre aus meiner Sicht kein Erfolg. Wir müssen dem Druck standhalten, unsere Idee pflegen, sie weiterentwickeln, unserem Konzept treu bleiben.“

Es wird den Spartans erklärtermaßen also am Herzen liegen, Jugendliche und junge Männer mit ihrer Idee anzustecken und so Leute zu finden, „die gut ins Team passen, sportlich und charakterlich. Bei den Spartans muss jeder wissen, warum er diesen Sport macht.“ Dieses „Warum“ taucht im Gespräch mit Daniel Koch immer wieder auf. Für ihn selbst war von Anfang klar, warum American Football: „Das war der einzige Sport, der zu mir gepasst hat – und ich hab einiges angefangen und wieder geschmissen. Die körperliche Härte, die taktische Finesse, der Sport im Team – das hat mich einfach gepackt. Im Football ist es nicht Talent, welches einen Spieler erfolgreich sein lässt. In manch anderen Sportarten kann man – mal vorsichtig ausgedrückt – auch als charakterlich Schwächerer erfolgreich sein. Im Football brauchst Du Disziplin, Selbstüberwindung, den Willen, an seine Grenzen zu gehen, Ego-Trips kannst Du vergessen, Du musst Dich in den Dienst von etwas Größerem stellen. Es gibt viele Spielpositionen, da kannst Du nicht mit Einzelleistungen glänzen, Du fällst im Grunde nie auf, aber es fällt auf, wenn Du ein Ausfall bist. Du musst Deine Duelle gewinnen. Da kann sich keiner verstecken. Jeder ist wichtig.“

Wenn Coach-Koch so loslegt, ahnt man, weshalb er inzwischen zu Referaten in Trainer-Conventions eingeladen ist. Und man kann sich auch vorstellen, dass es ihm immer wieder gelingt, seine Teams anzustecken mit seinen Vorstellungen von harter, disziplinierter Arbeit und Aufopferung. „Manch einer hat auch schon gemerkt, dass unsere Idee von Football, von Sport, von Erfolg auch in anderen Lebensbereichen gut tut.“ Er hat’s ja auch nachprüfbar umgesetzt, ist von der großen Football-Bühne abgetreten und nach Neu-Ulm zurückgekommen, hat dieses Projekt Sparta angekurbelt. So ziemlich von unten. Landesliga.

Warum? Es hatte ihn gereizt, „ein eigenes Programm aufzubauen und dabei die Dinge richtig zu machen, die mir woanders nicht gefallen haben;

  • Werte an die erste Stelle setzen

  • das Ganze als Entwicklung betreiben, aus sich selbst heraus, nicht von anderswo anheuern, wobei der Gedanke der Jugendarbeit einen immensen Stellenwert hat, als Selbstwert, Arbeit mit Jugendlichen und für Jugendliche

  • Neu-Ulm ist ja nun einfach meine Heimatstadt. Ich wollte ‚zu Hause‘ die Chance im nutzen. Ulm / Neu-Ulm ist ein idealer Standort, dessen wirtschaftliche Stärke für sich spricht und Perspektiven bietet. Man findet genügend Spieler-Potential. Es gab hier schon erfolgreichen Football, da kann man anknüpfen. Es gibt potentiell viele Interessierte, von denen wir schon jede Menge erreicht haben.

Hat es sich gelohnt – bis jetzt? „Ganz klar. Auch die nächste Saison werden alle Mühen, alles Engagement, aller Trainingsfleiß sich gelohnt haben, wenn wir am Ende alles gegeben haben und somit stolz auf den Verein und auf das Geleistet sein können, Aufstieg in die 2. Bundesliga ja oder nein, hin oder her. Diese mentale Stärke zu vermitteln ist meine wichtigste Aufgabe.“

Und dann kommt am Ende noch eine überraschende Volte: „Wenn man erahnen will, welche Qualität im ‚Projekt Sparta‘ steckt, muss man nicht unbedingt so sehr und ausschließlich auf die bisherigen großen Erfolge schauen, sondern mal realisieren: Die Zahl der Menschen, die sich ganz außerhalb des Blickpunktes der Öffentlichkeit bei uns engagieren, ist stetig gewachsen. Eine große Zahl der Eltern von Jugendspielern hat sich zu einer regelrechten Community zusammengefunden, die zum Beispiel bei den Heimspielen der Herren vielfältigste Aufgaben übernehmen. Die treffen sich inzwischen zu allen möglichen Aktivitäten, auch wenn ihre Jungs schon gar nicht mehr aktiv sind. Wenn jemand also spürt, dass er bei uns zu einem tollen Projekt beiträgt, selbst wenn er nicht im Rampenlicht steht - das macht mich stolz auf Sparta.“

 

Text: H. Koch

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